Patientenbedarf und medizinischer Anspruch in der integrativen Onkologie

Optimierte Versorgung von Krebspatienten mit wirksamen, evidenzbasierten Methoden der integrativen Onkologie stand im Fokus des 4. Integrative Medicine Meetings in Rosenfeld.

Als Ergebnis einer langjährigen Arbeit an der interdisziplinären Zusammenführung konventioneller Onkologie mit evidenzbasierten Verfahren der Komplementärmedizin wurde nun erstmals eine Leitlinie zur Integrativen Onkologie publiziert [1], die aktuell von der Amerikanischen Krebsgesellschaft (ASCO) übernommen wurde [2]. Diese Leitlinie bietet einen guten Anhaltspunkt zur Auswahl von Verfahren mit hoher Evidenz.

Erste Leitlinie zur integrativen Onkologie

In den USA genießt die integrative Onkologie mittlerweile große Akzeptanz. Am Memorial Sloan Kettering Cancer Center kümmern sich 50 Mitarbeiter um jährlich über 30.000 Krebspatienten. Unter diesen Voraussetzungen ist eine effiziente wissenschaftliche Forschung zu den komplementär-onkologischen Verfahren gut aufgestellt. Dennoch seien auch Kasuistiken wesentlich für den wissenschaftlichen Fortschritt und eine optimierte Patientenversorgung, betonte Prof. Huber (Berlin) und nannte u.a. die CARE (CAse REporting)-Leitlinie, die die Vollständigkeit und Transparenz publizierter Fallberichte verbessern hilft [3].

Gutes Nebenwirkungsmanagement bewirkt gute Lebensqualität

Die Behandlungsergebnisse mit komplementären Verfahren erscheinen manchmal wie ein Wunder, erläuterte Dr. Eric Marsden (Vaughan, Kanada) beispielhaft an der therapeutischen Wirkung von Sport bei Krebs. Die Wirkungsebenen sind vielseitig: Vorbeugung, Nebenwirkungsmanagement – dabei vor allem Cancer Related Fatigue (CRF) –, verbesserte Lebensqualität und Lebenserwartung. Der Referent zitierte eine Metaanalyse (68.000 Krebspatienten), die eine sportassoziierte Reduktion krebsspezifischer Mortalität im Bereich von 28-44% zeigte und eine Verringerung der Rezidivraten um 25-48% [4]. Inzwischen zeigen solche Evidenzen auch andere integrativ-medizinische Verfahren. Die erwähnte Leitlinie listet immerhin bei vier krebsassoziierten Symptomen drei komplementäre Verfahren mit höchstem Evidenzgrad auf (Angst-/Stressreduktion: Meditation; Depression/Stimmungsstörungen: achtsamkeitsbasierte Entspannung; Lebensqualität: Meditation). Weitere evidenzbasierte Verfahren sind Misteltherapie, Musiktherapie, Stressmanagement, Yoga, Akupunktur oder Massage.

Misteltherapie als komplementäres Verfahren mit hoher Evidenz

Kein anderes komplementäres Therapieprinzip in der Onkologie wird neben Sport so intensiv erforscht wie die Anwendung von Extrakten aus der Mistel (Viscum album). Prof. Huber nannte einen Cochrane-Review, in dem schon 2008 auf eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität zumindest von Patientinnen mit Brustkrebs durch Mistelextrakte parallel zur Chemotherapie hingewiesen worden ist [5]. Auch eine signifikante Verlängerung des Gesamtüberlebens bei metastasierendem Pankreaskarzinom durch Mistelextrakt wurde nachgewiesen [6]. Der Studienansatz wird derzeit von der schwedischen Karolinska-Universität wiederholt [7]. Dr. Friedemann Schad (Berlin) beschrieb eines der kostenträchtigsten Probleme bei den Targeted Therapies: Die erhebliche Nicht-Adhärenz bei Langzeitanwendungen. Eine komplementäre Mistelapplikation bei gezielter Therapie, so Schad, erhöht die Wahrscheinlichkeit der Therapieadhärenz um 70% aufgrund signifikant reduzierter Nebenwirkungen [8].

Der Blick „über den Tellerrand“

Nordamerikanische Onkologen berichteten über signifikante Erfolge von intermittierendem Fasten (wiederholtes Kurzzeitfasten) bei CRF und anderen krankheits- bzw. therapiebedingten Nebenwirkungen. Eine aktuelle Pilotstudie der Charité zeigte, dass bei gynäkologischen Krebserkrankungen Kurzzeitfasten die Nebenwirkungen einer Chemotherapie verringert, ohne ernsthafte Probleme zu verursachen.

Hyperthermie ist ein anderes integratives Verfahren, deren Einsatz noch nicht so breit etabliert ist. Dr. Gurdev Parmar (Fort Langley, Kanada) präsentierte die Ergebnisse einer 8-Jahres-Studie zu Hyperthermie bei 785 Krebspatienten mit fortgeschrittener, metastasierter Erkrankung. Die Behandlung führte zu einer besseren 5-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit gegenüber Vergleichsdaten (Studie noch in Publikation). Dr. Friedrich Migeod (Bad Aibling) schließlich beschrieb, wie Helleborus niger (Christrose) den Krankheitsverlauf bei Lymphomen oder Karzinomen verbessern kann und damit ein wichtiges Element zur Verbesserung der Lebensqualität in der palliativen Onkologie darstellt.

Definition Integrative Onkologie (National Cancer Institute):
Ein patientenzentriertes, evidenzinformiertes Gebiet der Krebstherapie, das Mind-Body-Verfahren, natürliche Produkte und/oder Lebensstiländerungen aus unterschiedlichen Traditionen begleitend zu den konventionellen Krebstherapien einsetzt. Die Integrative Onkologie versucht, Gesundheit, Lebensqualität und klinische Outcomes über den Behandlungsverlauf hinweg zu optimieren und Menschen zu befähigen, Krebs vorzubeugen und zu aktiven Teilnehmern vor und während der Krebsbehandlung, sowie über diese hinaus zu werden [9].

Quelle: Das "4. Integrative Medicine Meeting" vom 19. bis 22.09.2018 in Rosenfeld. Veranstalter: Helixor Heilmittel GmbH.

Literatur:
[1] Greenlee H, DuPont-Reyes MJ, Balneaves LG, et al. 2017. Clinical practice guidelines on the evidence-based use of integrative therapies during and after breast cancer treatment. CA Cancer J Clin. 67(3):194-232.
[2] Lyman GH, Greenlee H, Bohlke K, et al. 2018. Integrative Therapies During and After Breast Cancer Treatment: ASCO Endorsement of the SIO Clinical Practice Guideline. J Clin Oncol. 36(25):2647-2655.
[3] Gagnier JJ, Riley D, Altman DG, et al. 2013. Die Case Reporting (CARE) Guideline: Entwicklung einer konsensbasierten Leitlinie für die Erstellung klinischer Fallberichte. Dtsch Arztebl Int. 110(37):603-608.
[4] Cormie P, Zopf EM, Zhang X, Schmitz KH. 2017. The Impact of Exercise on Cancer Mortality, Recurrence, and Treatment-Related Adverse Effects. Epidemiol Rev. 39(1):71-92.
[5] Horneber MA, Bueschel G, Huber R, Linde K, Rostock M. 2008. Mistletoe therapy in oncology. Cochrane Database Syst Rev. 2008 Apr 16;(2):CD003297.
[6] Tröger W, Galun D, Reif M, Schumann A, Stankovic N, Milicevic M. 2013. Viscum album [L.] extract therapy in patients with locally advanced or metastatic pancreatic cancer: a randomised clinical trial on overall survival. Eur J Cancer 49(18):3788-3797.
[7] Wode K: Mistletoe Therapy in Primary and Recurrent Inoperable Pancreatic Cancer (MISTRAL). ClinicalTrials.gov Identifier: NCT02948309.
[8] Thronicke A, Oei SL, Merkle A, Matthes H, Schad F. 2018. Clinical Safety of Combined Targeted and Viscum album L. Therapy in Oncological Patients. Medicines (Basel). 6;5(3).
[9] Witt CM, Balneaves LG, Cardoso MJ, et al. 2017. A Comprehensive Definition for Integrative Oncology. J Natl Cancer Inst Monogr. 2017(52).



Dezember 2018

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